Eins unserer abgeschlossenen Projekte

Durch die "Aktion Flaschenpost" entstanden Brieffreundschaften zwischen Kindern aus Ecuador und Deutschland. In den Briefen, die von den Freiwilligenteams übersetzt und verschickt wurden, erzählten die Kinder von ihrem Alltag, der Familie und ihrer Schule. Viele von ihnen legten auch selbstgemate Bilder dazu, wie in den folgenden Briefen zu sehen ist:

Marcia Ximena, 11 Jahre

Cesar Hugo, 10 Jahre

 

 

 


AKTION FLASCHENPOST – Die Schule am Gletscherbach

 Eine Geschichte:

Umgebung von El Salado, mit Chimbrorazo

Hey, ich bin Julio. Der Junge auf dem Esel. Wir reiten zur Schule. Wir mussten schon ganz früh aufstehen. Mutter helfen. Sie ist heute morgen mit dem Bus nach Ambato gefahren, will auf dem Markt unsere Zwiebeln und Kartoffeln verkaufen. Und selbst gewebte Wollstoffe, die meine Großmutter macht. Wir mussten alles mit zusammen packen und zur Bushaltestelle tragen. Weil wir so fleißig waren, sagte Mutter: „Nehmt unser Langohr für den Schulweg.“ Er heisst Pedro, ist zwar kein Rennesel, aber es geht doch schneller, wenn er richtig lostrabt. Sonst brauchen wir für den Schulweg mindestens eine Stunde. Und ich kann euch sagen, das ist ganz schön anstrengend. Zur Schule laufen, manchmal einfach querfeldein, das geht ja noch. Fast immer bergab. Aber zurück? Da müssen wir uns ziemlich quälen. Vor allem, wenn es regnet oder wenn alles feucht ist. Dann ist es auf den Wegen matschig. Deshalb gehen wir oft in großen Gummistiefeln, die bis über die Knie reichen. Drei Schritte vorwärts, einen Schritt zurück rutschen. … Wir? …. Ich habe vergessen, euch Anna-Maria vorzustellen. Das ist meine Schwester. Sie ist sechs Jahre alt. Ich bin schon zwölf. Anita – so sagen wir zu ihr immer – ist in der ersten Klasse der Grundschule. Und ich hab´s schon in die sechste Klasse geschafft, mein erstes Jahr in der Realschule.

Ich soll euch ein bisschen erzählen, wie es hier bei uns in den hohen Anden in Ecuador aus-sieht, und wie wir leben. Ecuador ist ein kleines Land in Südamerika. Unser Erdkundelehrer sagt immer: „Ein schönes Land, ein reiches Land, mit vielen armen Menschen. Gegen die Armut müssen wir etwas tun!“ Wir besonders! Wir gehören zu den Indigenas. Ihr würdet In-dianer sagen. Unsere Vorfahren lebten hier schon vor vielen hundert Jahren. Da ging es uns besser. Als dann die Spanier das Land eroberten, änderte sich alles. Sie nahmen uns das Land ab. Unsere Vorfahren mussten in Bergwerken schuften und auf den Feldern und hatten oft nicht genug zu essen. Als mein Vater mir davon erzählte, dass sein Vater noch als Sklave bei dem Großgrundbesitzer arbeiten musste, ohne ein Stück eigenes Land - und dass sie oft von den Aufsehern geprügelt wurden, da habe ich mich erst geschämt und war dann wütend. Aber jetzt bin ich stolz, weil ich von den Eltern und in der Schule gelernt habe, wie tapfer sich un-sere Vorfahren gegen die Unterdrückung gewehrt haben. 1978 kam es durch Volksabstim-mung zu einer neuen Verfassung in unserem Land. Es gab eine Landreform. Danach bekamen auch wir Indigenas einen Teil des Landes zurück. In unseren Dorfgemeinschaften geht das so: Jede Familie hat einige eigene Äcker und Weiden, und die Dorfgemeinschaft bearbeitet gemeinsam die anderen Flächen, die dem Dorf gehören.

Seit die Spanier unser Land im 16. Jahrhundert erobert haben, wird Spanisch bei uns gesprochen, aber wir haben auch noch unsere eigene Sprache: Ketschua. Zuhause auf unserem kleinen Hof sprechen wir oft Ketschua, weil meine Großeltern kein Spanisch gelernt haben. Die konnten keine Schule besuchen. Anita fängt jetzt erst an, in der Schule Spanisch zu lernen. Aber wir werden auch noch in Ketschua unterrichtet. Ich gehöre zu den Schülern, die zum ersten Mal ein Lesebuch in unserer eigenen Sprache Ketschua in die Hand bekommen haben. Früher gab es das überhaupt nicht. Da haben wir auch nichts gehört davon, wie unsere Vorfahren gelebt haben. Und jetzt können wir die alten Berichte und Geschichten von ganz früher sogar in unserer eigenen Sprache lesen. Das finde ich toll, weil ich merke, wir haben wenigstens eine große Vergangenheit. Und ich will mitarbeiten, dass es uns Indigenas im Land in Zukunft auch noch besser geht. Schließlich sind wir die Mehrheit im Land – über 50 Prozent der Bevölkerung gehören zu den Indigenas verschiedener Volksgruppen.

Dorfbewohner hoch zu Esel

Aber jetzt will ich euch noch erzählen, was ihr alles auf dem Bild sehen könnt und was nicht. Auf dem Bild ist das alles zusammen gedrängt. In Wirklichkeit leben wir in einem großen, weiten Bergtal. Die kleinen Höfe liegen oft einen Kilometer auseinander. Es geht sehr steil die Berge hinauf. Und an den Berghängen liegen auch die meisten unserer Äcker. Die sind

manchmal so steil, dass man sich beim Arbeiten – beim Kartoffelstecken oder beim Ernten von Gerste oder Zwiebeln fast nicht auf den Füßen halten kann. Aber wir müssen jedes Stückchen Land nutzen, sonst wird eine Familie nicht satt.

Unser Dorf heißt Llangahua. Aussprechen müsst ihr das „Janga-ua“. Das bedeutet in unserer Ketschuasprache: „Das weite, neblige Tal unter dem weißen Berg“. Der weiße Berg? Ihr könnt ihn ganz oben sehen. Das ist der höchste Gletscher in Ecuador. Er heißt Chimborazo. Ihr werdet es kaum glauben, der ist 6.310 Meter hoch. Und soll ich euch mal sagen, wie hoch unsere Schule liegt? 3.500 Meter über dem Meeresspiegel. Bis vor ein paar Monaten konnte ich mir das kaum vorstellen. – Wisst ihr, wie hoch eure Stadt oder euer Dorf liegt? – Wir haben einen 2-Tage-Schulausflug gemacht. Alle, die schon zehn Jahre alt waren, durften mit. Fast einen Tag lang hat die Busfahrt bis nach Guayaquil gedauert. Das ist die zweitgrößte Stadt in Ecuador, eine Hafenstadt. Stundenlang sind wir bergab gefahren. In Schlangenlinien quälte sich der Bus nach unten. Als wir zum ersten Mal von oben herab das Meer sahen, wollten wir es kaum glauben. Das war ein toller Ausblick. Seitdem ich einmal unten am Meer war, weiß ich erst, wie hoch oben wir wohnen. Und ich kann auch verstehen, wenn Touristen sagen: „Bei euch ist aber eine dünne Luft.“ Die merken das daran, dass sie schon bei kleinen Anstrengungen – zu Fuß bergauf – ganz schwer atmen, richtig „pusten“. Wir merken das überhaupt nicht. Das macht die Gewohnheit.

Ob ich schon mal auf dem Gletscher war? Leider nicht. Nach oben kommt man nur von der anderen Seite und natürlich braucht man dafür eine Ausrüstung und einen Führer. Das kostet mehr, als unsere Familie in einem Jahr verdienen kann. Aber eines Tages, wenn ich groß bin, dann will ich auf den Gipfel. Schließlich habe ich den Chimborazo oft genug vor Augen. Allerdings nicht so oft, wie wir uns das wünschen. Das liegt am Nebel und am Regen. So dick wie auf dem Bild sind die Tropfen selten, aber so einen leichten Nieselregen gibt es oft bei uns. Wir haben uns in meiner Schulklasse etwas vorgenommen. Wir wollen eine Statistik an-fangen, jeden Tag aufschreiben, wie das Wetter ist und ob und wie der Chimborazo zu sehen ist. Ich kann euch sagen, wenn der so richtig voll in der Sonne liegt, das ist ein Bild! Da kommst du aus dem Staunen nicht heraus! Das ist wirklich ein Wunderwerk Gottes.

Heute morgen haben wir Glück gehabt. Es hat überhaupt nicht geregnet. Wir sind trocken zur Schule gekommen. Die meisten von uns haben nur ihre Ponchos und die traditionellen Filz-hüte Die tragen alle, Männer und Frauen. Die Ponchos sind meistens schön bunt, kräftiges rot und verziert durch grüne oder weiße oder gelbe Streifen, ganz verschiedene Muster. Bei uns in der Familie ist meine Oma die Expertin dafür. Die kann das am besten: Aus dem Pelz von unseren Schafen Wolle spinnen und die zu einem Poncho weben. - Könnt ihr euch das vor-stellen? Wie einen kleinen Teppich – ein bisschen breiter als von einer Schulter zur anderen. Wenn ihr den in der Mitte faltet und euch in der Falte einen Schlitz vorstellt, wo ihr mit dem Kopf gut durch kommt, dann habt ihr einen Poncho. Der ist ganz dicht gewebt und fast was-serdicht, aber nur fast. Wenn es kühl ist, und das ist oft so bei uns, dann tragen wir darunter noch einen dicken Pullover. Wenn der auf dem Weg auch noch was vom Regen abgekriegt hat, dann sitzen wir in der Schulklasse und frösteln so vor uns hin. Eine Heizung gibt es näm-lich nicht. Das kann sich die Schule nicht leisten. Als kürzlich ein deutscher Besucher bei uns war, wollte er es gar nicht glauben: Unsere Mathelehrerin stand an der Tafel und schrieb – mit Handschuhen! Sie ist das aber auch nicht gewohnt. Sie kommt jeden Morgen von Ambato zu uns rauf.

Mittags – nach der Schule – gibt es immer ein warmes Essen. Das ist von unserer Dorfge-meinschaft so eingeteilt. Zwei Mütter kochen in der Küchenhütte in einem Riesentopf über offenem Feuer. Meistens gibt es eine Kartoffelsuppe mit Brühe, da werden dann ganz dünne Radieschenscheiben reingeschnippelt und ein paar Bohnen oder es werden zwei geschlachtete Hühner mitgekocht. Wir sind fast hundert Schülerinnen und Schüler. Zwei Kinder müssen jeden Tag Brennholz mitbringen, damit das Feuer zum Essenkochen in Gang gehalten werden kann. Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Holz ist hier oben bei uns in den Bergen Mangelware.

Das war nicht immer so. Früher war hier Wald. Aber dann wurde alles abgeholzt. Das Holz wurde von den Großgrundbesitzern an die Eisenbahnen verkauft und an die Bergwerke. Das Kiefernholz war hart und stark genug, um die Bergwerksstollen abzusichern. Christen aus Deutschland und anderen Ländern haben vor einigen Jahren Geld gegeben, damit kleine Bäumchen gepflanzt werden konnten. Irgendwann soll es hier wieder richtigen Wald geben.

Die Wiederaufforstung hat schon begonnen. Ein paar hundert Bäume sind jetzt schon ausgewachsen – manche fast 3 Meter hoch. Ich muss jedenfalls richtig dran hoch schauen. Die haben schöne Zapfen. Dick und breit. Wenn ich meine Hände zusammenlege und die Daumen überkreuze, so groß, sogar noch ein bisschen größer! Habt ihr solche Zapfen auch? Und spielt ihr auch so gern damit, wie wir? Auf dem Schulweg spielen wir beim Gehen Fangball damit und manchmal auch „Rennball“. Wenn einer nicht fängt und der Zapfen den Hang runter kullert, da muss man schon blitzschnell sein, um ihn wieder einzukriegen.

Escuela und Colegio bei Abenddaemmerung

Auf dem Schulhof spielen wir – in der Pause und im Sportunterricht. Basketball und Volley-ball und – natürlich - Fußball. Unser Schulhof sieht dann vielleicht aus!! Das ist so schwarze Erde - und wenn es trocken ist, dann staubt`s, und wenn es feucht ist, dann ist´s glitschig. Aber Tore fallen trotzdem! Wir hoffen, dass der Platz mal richtig gemacht werden kann. Aber dafür ist noch kein Geld da, sagt unsere Direktorin, und die Elternvertreter aus der Dorfgemeinschaft sagen das auch. Unsere Schule hier – eigentlich sind es zwei – gibt es erst seit 8 Jahren. Unsere Eltern sind stolz darauf, dass sie diese Indigenaschule in 3500 Meter Höhe bauen konnten. Von unserem Staat gibt es nämlich nicht viel Geld dafür. Der bezahlt nur die Lehrerinnen und Lehrer.

In Deutschland würdet ihr vielleicht sagen: „Das sind ja nur Wellblechbaracken.“ Aber wenn ich fleißig bin, dann kann ich hier so viel lernen, dass ich später sogar zur Universität gehen kann. Wenn ich einen guten Abschluss mache, habe ich wenigstens die Chance, einen guten Beruf zu erlernen. Meistens bin ich fleißig, muss ich auch sein. Wir sind nämlich vier Kinder zuhause. Außer Ana-Maria sind noch meine beiden älteren Brüder da, Fernando und Manuel Juan.

Früher wurde der Besitz immer zwischen den Geschwistern gerecht geteilt. Das geht heute nicht mehr. Wenn der Vater später einmal das bisschen Land noch zwischen uns aufteilen würde, hätte keiner mehr genug, um eine Familie zu ernähren. Weil ich keine Lust habe, irgendwo in eine Stadt zu gehen, fange ich jetzt schon an zu überlegen, was ich denn lernen könnte. Einen Traum habe ich schon. Mein Biolehrer sagt, meine Idee sei gar nicht so dumm, das könnte was werden. Forellenzuchtteiche würde ich gern bauen. Das geht mir gar nicht mehr aus dem Kopf, seit ich kürzlich in einem Nachbartal gesehen habe, wie aus ein paar großen Gruben, die in die Erde gegraben wurden, Forellenteiche geworden sind. Direkt neben dem Fluss. Die Familien haben es gewagt. Inzwischen schwimmen die Fischen schon in richtigen Becken aus Beton. Sogar ein kleines Restaurant ist dabei. Da kann man leckere Forellen essen. Vielleicht kann ich da sogar lernen, was man alles wissen muss. Forellen fangen kann ich schon ganz gut, obwohl die flink und vorsichtig sind. Vorgestern hatte ich großes Glück. Da sind mir innerhalb von zwei Stunden drei ziemlich dicke Fische an den Haken gegangen. Zwei gab´s bei uns aus der Pfanne. Alle bedankten sich bei mir für das leckere Essen.

Pferd

Den dritten durfte ich verkaufen. Jetzt habe ich ein bisschen Geld. Ich spare für einen Fußball. Noch zehn von diesen flinken Flitzern und dann sollt ihr mal sehen, dann geht´s ganz anders zur Sache auf der flachen Weide hinter unserm Haus. Mein Vater spottet jetzt schon immer: „Na, trainiert ihr für die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland?“ - Der wird sich noch wundern. Ich glaube, wenigstens unsere Nationalelf wird das schaffen. Die sind gut. Die soll keiner unterschätzen. Sie müssen ja nicht Weltmeister werden, aber dabei sein, das wäre schön.

Noch mal zum Angeln: Ich hab auch schon vier Stunden am Gletscherbach gestanden und ge-fangen habe ich ….….. nichts? Selbst die Fliegen waren schneller, wenn ich sie schnappen wollte. Schließlich habe ich einen kleinen Frosch mit der Hand erwischt. Natürlich habe ich den springen lassen. Hoffentlich hat der die Fliege gepackt, die wie ein Düsenflugzeug von meinem Poncho aus startete, sobald ich nach ihr schlug.

Was soll ich euch noch erzählen? Vor der Kuh auf dem Bild, da seht ihr einen Mann hacken auf dem Feld. Das ist das am meisten benutzte Werkzeug bei uns. Egal, ob Kartoffeln, Gerste, Hafer, Zwiebeln, Bohnen angebaut werden. Ohne Hacke geht nichts. Andere Geräte können wir auch gar nicht verwenden, weil die Erdschicht sehr dünn ist und weil die Äcker fast alle steil sind. Wenn wir nach der Schule wieder zuhause sind, so um drei Uhr vielleicht, dann müssen wir auch mit raus aufs Feld. Die Eltern allein schaffen das nicht. Zur Zeit werden gerade die Kartoffeln geerntet. Mein Vater ist sehr froh. Es ist eine gute Ernte geworden. Es hat kein einziges Mal Nachtfrost gegeben. Schneien tut es bei uns überhaupt nicht. Wir haben zwar das Gletschereis vom Chimborazo immer vor Augen, wenn er so nett ist, und sich zeigt, aber Schneeflocken wie ihr sie in Deutschland kennt, fallen hier nicht vom Himmel. „Dafür sind wir zu nahe am Äquator“, sagt unser Lehrer. Er hat auch erzählt: „Früher haben die Männer das Gletschereis aus dem Chimbo rausgehauen und nach Ambato gebracht. Da konnte man in der Hitze die Fruchtsäfte für den Straßenverkauf kühlen und auch andere Sachen frisch halten.

Die Frau mit den Llamas könnte meine Mutter sein. Außer Schafen hat mein Vater mit einer Llamazucht angefangen. Jetzt haben wir schon eine kleine Herde von 7 Stück. Meine Mutter hat beim Hüten fast immer ihr Strickzeug dabei. Meinen Pullover hier, den hat sie gestrickt, während sie bei den Tieren stand. - Ihr wisst ja schon von unserem Dorfnamen Llangahua her, dass man bei uns zwei „L“ wie ein „J“ ausspricht. Wir sagen also „Jama“ zu den Tieren, die ihr „Lama“ nennt. Die Wolle ist viel besser als Schafwolle, man bekommt beim Verkauf mehr Geld dafür. So bis zu 30 Kilo können die Llamas auch tragen, aber natürlich lange nicht so viel wie ein Esel oder ein Maultier. Davon gibt es bei uns noch viele. Und Pferde. Wenn sich ein Bauer ein Pferd leisten kann, dann ist das der Stolz der ganzen Familie. Ein paar von mei-nen Schulkameraden dürfen manchmal zur Schule reiten. Könnt ihr euch denken, was ich mir dann wünsche? ….. Aber Pedro ist auch nicht schlecht. Wenn er mich so anschaut mit seinen großen Augen, habe ich schon oft gedacht: „Pedro, du bist doch mein bester Freund!“ Manch-mal macht es ihm sogar richtig Spaß, wenn ich ihn ein antreibe. Neulich haben wir zu dritt ein Eselrennen veranstaltet. Wer das gesehen hat, der spottet nicht mehr über „Eselgalopp“. Pedro war genau mit einer Kopflänge zuerst im Ziel. Und mein Kopf natürlich auch. Zugegeben: Vater hätte das nicht sehen dürfen, der sagt: „Jungs, der Esel ist ein Arbeitstier, kein Spielzeug für euch.“ Recht hat er ja, aber schön war´s doch.

Die Kleinbauern haben meistens auch ein paar Schweine. Die sind ganz schwarz und viel kleiner als die Schweine, die ihr in Europa habt. Viele der Bauern in Llangahua haben auch Kühe. Eine oder zwei, manche auch mehr. Das bringt was ein, weil einer aus unserem Dorf eine Käserei aufgemacht hat. Der kauft den Bauern die Milch ab und macht mit zwei Gehilfen leckeren Weichkäse daraus. Den Käse verkauft er dann unten in Ambato. Er hat so einen al-ten, klapprigen Pickup, das ist ein kleiner offener Lastwagen. Mit dem fährt er in die Stadt, die ungefähr 250.000 Einwohner hat. In kleinen Geschäften und bei Privatkunden verkauft er den Käse. Er ist der erste Mann in unserem Dorf, der zwei neue Arbeitsplätze geschaffen hat. Das ist gut. Und das er eigentlich Tierarzt ist, ist auch gut. Wenn das Vieh was hat, kann er meistens helfen.

Chimbrorazo Hausberg von El Salado

In der Schule und bei den Dorfältesten wird darüber diskutiert, ob hier nicht auch eine größere Baumschule gegründet werden sollte. Ja, da fällt mir ein, dass ich euch auch erzählen wollte, was ihr nicht auf diesem Bild sehen könnt. Dabei ist es nur 200 m von unserer Schule ent-fernt. In unserem Dorf tut sich was. Mit der Hilfe von deutschen Freunden und Freundinnen sind die Männer unseres Dorfes dabei, ein Lehrer- und Gästehaus zu bauen. Die Dorfgemein-schaft hat einen guten Platz zur Verfügung gestellt, die Deutschen sorgen für das Geld und unsere Männer bauen. Der Boden ist schon planiert, die ersten Mauern stehen schon. In einem Teil des Hauses soll eine Wohnung für einen Lehrer mit Familie entstehen. Ihr müsst nämlich wissen, alle unsere Lehrer und Lehrerinnen kommen jeden Morgen aus Ambato hier zu uns herauf. Entweder mit einem Pickup oder mit dem Bus.

Mittags geht´s wieder in die Stadt. Neulich bin ich mal mit gefahren. Da waren noch zehn lebendige Hühner und ein lammfrommes Schaf mit auf der Ladefläche – außer uns. Die Pickup hat vielleicht geschaukelt. Da kann einem echt schlecht werden. Bei der Schaukelei. Es wäre besser, wenn hier im Dorf, ganz nahe bei der Schule ein Lehrer wohnt. Und das soll ein Indigena sein, der viel von Landwirtschaft und Aufforstung versteht. Der soll auch mit uns Schülern einen Schulgarten entwickeln, wo wir das Gemüse, das wir fürs Mittagessen brauchen, selber anbauen können. Und wir sollen lernen, wie wir besser mit dem Vieh umgehen können, und wie wir dafür sorgen können, dass der Wald wieder bei uns wächst. Wir sind schon richtig gespannt. Jetzt kann man ja sogar schon etwas sehen.

Wofür das Gästehaus ist? Es geht sicher nicht, dass ihr uns alle besuchen kommt. Aber zwei bis vier Gäste aus Deutschland können im Haus wohnen und hier ein Praktikum machen. Die können uns in der Schule oder bei der Aufforstung helfen. Vielleicht gibt´s dann auch bald einen Deutschkurs bei uns. Den belege ich bestimmt. Denn viele von den deutschen Gästen, die uns schon besucht haben, können auch nur wenig Spanisch. Da wär es doch nicht schlecht, wenn wir selber ein bisschen deutsch mitreden könnten.

Und damit ihr auch ein bisschen spanisch lernt, hört mal her: „Hasta luego“ Das heißt: „Auf Wiedersehen.“ Und falls wir uns morgen wirklich sehen sollten, könntet ihr uns begrüßen mit „Buenos dias, querido amigo, querida amiga“ Das heisst:

„Guten Morgen, lieber Freund, liebe Freundin!“

Hey, seid ihr noch da? Schaut noch mal aufs Bild. Die Jenny da unten am Gletscherbach die ruft grad etwas. … Wie? …. Höre ich richtig? „Eine Flaschenpost!“, schreit sie. Na, das wird ja spannend!!! Was da wohl drin steht!

Autor: Hans Stapperfenne, Brandenburg a. d. Havel